Fragen und Antworten zum Wildtiermanagement

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Nochmals: Bergmischwald und Schalenwild

12.07.2018 18:22 Frage zu Management im Nationalpark – ist das nicht ein Widerspruch? Leutseel

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Nationalparkgesetz stellt klar: Das  „vornehmliche Anliegen“ des Nationalparks ist, „den für den Nordschwarzwald charakteristischen Bergmischwald zu schützen und zu entwickeln.“ Mit dieser Zielvorgabe wurde in der Öffentlichkeit und der Politik für die Ausweisung des Nationalparks geworben.

Nach dem Gesetz werden folglich jagdbare Wildtiere unter Beachtung des Schutzzwecks des Nationalparks reguliert.

Dass überhöhte Wildbestände den Mischwald an seiner Entfaltung hindern, ist schon immer evident. Selbst die Verwaltung des schon 1875 (!) eingerichteten „Urwaldes Rothwald“ in Österreich resümiert auf ihrer Website: „Zur Sicherung des natürlichen Wald-Wild-Gefüges ist es notwendig, die Schalenwildarten zu regulieren.“

Nichts anderes verlangt auch der Prozessschutz. Denn überhöhte Wildbestände haben – nach Ausrottung der Großraubtiere - eindeutig menschliche und nicht natürliche Ursachen.

Wenn auch der Klimawandel uns vor Unwägbarkeiten stellt, muss das Wildmanagement dem Wald die Chance geben, sich – wenn er „will“ - wieder zu einem Bergmischwald zu entwickeln. Möchten Sie ihm diese Chance geben?

Entsprechend der gesetzlichen Zielvorgabe ist es jedenfalls meine Bitte, die aktive Regulierung des Schalenwildbestandes – im Zusammenwirken mit der Jagd auf Populationsebene im gesamten Rotwildgebiet Nordschwarzwald - zum effektiven Schutz der Mischbaumarten klar und deutlich im Nationalparkplan zu verankern.

Mit freundlichen Grüßen

Friedemann Schäfer

 

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Antwort der Verwaltung

Antwort zum Bergmischwald und Schalenwild

13.07.2018 12:07 ModerationSB Antwort der Verwaltung

Sehr geehrter Herr Schäfer,

mit Ihren Fragen sprechen Sie zentrale Punkte des Wildtiermanagements und des Nationalparkverständnisses insgesamt an. Aus diesem Grund bekommen Sie wieder eine Antwort aus verschiedenen Fachbereichen. Zu Ihrer Frage bezüglich des „vornehmlichen Anliegens“ wie es aus dem Nationalparkgesetz herzuleiten ist, wird Ihnen der Fachbereich 1 („Verwaltung“) antworten:

Unter § 3 Nationalparkgesetz (NLPG) sind die gesetzlichen Ziele und Zwecke des Nationalparks benannt. Die "vornehmlichen" Zwecke sind in § 3 Absatz 1 NLPG genannt – zu den vornehmlichen Zwecken gehört auch der Prozessschutz. Die Gesetzesnorm § 3 NLPG darf jedoch im Hinblick auf die Zwecke des Nationalparks nicht allein gelesen werden. Erst zusammen mit § 7 NLPG wird klar, dass der Nationalpark vor allem dem Zweck des Prozessschutzes dient. In § 7 Absatz Nr. 1 heißt es nämlich, dass in den Kernzonen das Wirken der natürlichen Umweltkräfte und die Dynamik der Lebensgemeinschaften weitgehend frei von Eingriffen durch den Menschen gewährleistet wird. In den bereits bestehenden Kernzonen bezweckt der Nationalpark somit nahezu ausschließlich den Prozessschutz (ungestörte Natur). Und da gemäß § 7 Absatz 3 bis zum Ablauf von 30 Jahren nach Inkrafttreten dieses Gesetzes 75% des Nationalparkgebiets zu Kernzonen zu entwickeln ist, dient der Nationalpark letztlich vor allem dem Prozessschutz.

Im Hinblick auf die Kernzonen ist jedoch beachtlich, dass die Nationalparkverwaltung die gesetzliche Zielvorgabe, den für den Nordschwarzwald charakteristischen Bergmischwald zu schützen und zu entwickeln, in der Entwicklungsphase hin zur Kernzone umsetzt. Dafür sind die Entwicklungszonen da. Dort setzt der Nationalpark im Rahmen des Waldmanagements  bzw. der Waldentwicklung Maßnahmen um, die darauf abzielen, den für den Nordschwarzwald charakteristischen Bergmischwald zu erhalten bzw. zu entwickeln.

Der Fachbereich 5 („Wald und Naturschutz“) hat bereits bei Ihrer ersten Frage die wesentlichen Antworten zum Modul Waldentwicklung geliefert.

Im Hinblick auf die oben vom Fachbereich 1 gegebene Antwort sei aus Sicht des Fachbereichs 5 noch folgendes ergänzt: Die Entwicklung des Bergmischwaldes in der Entwicklungszone erfolgt mit minimalinvasiven Methoden und unter Ausnutzung des bereits bestehenden Verjüngungspotentials. Großflächige Neuanpflanzungen, wie man sie teilweise in anderen Nationalparken findet, gibt es im Nationalpark Schwarzwald nicht. Vor allem in den alten Sturmwurfflächen findet sich eine große Zahl an Mischbaumarten, die weiträumig freigestellt und gefördert werden. Die überwiegende Mehrzahl dieser Mischbaumarten ist bereits so groß und stabil, dass sie von den großen Pflanzenfressern wie Reh und Hirsch nicht mehr geschädigt werden können. Solche Maßnahmen müssen auch nicht durch ein intensives Wildtiermanagement geschützt werden.

Der Sachbereich Wildtiermanagement antwortet noch auf die weiteren Teilfragen:

Zu sagen, was nun genau „überhöhte Schalenwildbestände“ in einem Nationalpark sind, fällt schwer. In den letzten 40 Jahren habe ich in vielen Rotwildrevieren gearbeitet und sehr, sehr viele Rotwildreviere im In- und Ausland besucht. Ich denke, ich weiß, wie Landschaften aussehen, in denen viele Rothirsche leben. Der Nationalpark Schwarzwald gehört ganz sicherlich nicht dazu.

Was die Ausrottung der natürlichen Feinde des Rotwildes, Luchs und Wolf, anbelangt, so sind diese gerade dabei, sich den Nordschwarzwald zurückzuerobern.  Wenn man sieht, wie schnell sich der Wolf in Deutschland verbreitet, darf man sehr gespannt sein, was sich da in den nächsten Jahren entwickeln wird. Auch das ein Faktor, wie die Klimaerwärmung, der althergebrachte Argumentationsmuster und Denkschulen gründlich durcheinander bringen kann. Auch hier kann ein frei von wirtschaftlichen und ideologischen Zwängen arbeitendes wissenschaftliches Monitoring Erkenntnisse liefern, die letztlich auch unseren Wirtschaftswäldern zu Gute kommen.

Wie Sie ganz richtig schreiben, muss eine Regulation des Schalenwildbestandes auf der Populationsebene im gesamten Rotwildgebiet Nordschwarzwald erfolgen, wobei es, je nach Zielsetzung des jeweiligen Grundeigentümers, örtlich zu sehr unterschiedlichen Dichten kommen wird. Der Nationalpark wird hierzu natürlich einen Beitrag leisten. Wenn ab dem Jahr 2020 die Jagd auf 30% der Fläche eingestellt wird, werden wir nach wie vor auf ca. 70% der Fläche intensiv jagen. Bis zu einer weiteren Ausdehnung des jagdfreien Bereiches bleibt genügend Zeit, um mit den angrenzenden Anrainern weitere Strategien zu entwickeln und die Wildtierregulation mehr und mehr in die angrenzenden Bereiche zu verlagern.

Sie bitten den Nationalpark inständig, dem Wald eine Chance zu geben, sich in einen Bergmischwald entwickeln zu können. Seien Sie sicher, der Wald hat diese Chance und er wird sie auch nutzen. Wie genau das aussehen wird, wir wissen es nicht. Wenn ein Förster einen Wald „baut“, hat er, wie der Baumeister einer großen Kathedrale, ein sehr konkretes Bild, wie dieses Werk in 100 Jahren einmal aussehen wird. In einem Prozessschutzgebiet aber verzichten wir ganz bewusst darauf, uns Bilder zu machen, wie das „Werk“ einmal aussehen soll, denn wir wollen kein „Werk“ erschaffen, sondern Prozesse zulassen und demütig diese Entwicklung beobachten und dokumentieren.

Vielen Dank für Ihre wertvollen Disklussionsbeiträge.