Fragen und Antworten zum Wildtiermanagement

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Bergmischwald- und Prozessschutz

13.07.2018 16:31 Frage zu Management im Nationalpark – ist das nicht ein Widerspruch? Leutseel

Leider ist es schwierig, mit nur 1500 Zeichen auf Ihre z.T. bis zu 12.000 (!) Zeichen umfassenden Antworten einzugehen! Ich habe Ihnen daher noch einen etwas ausführlicheren Brief geschrieben, auch um es schwarz auf weiß zu haben.

Vielen Dank für Ihre aktuelle Antwort! Irgendwie klingt für mich allerdings der Gedanke durch, der "Prozessschutz" sei etwas anderes als der "Schutz des Bergmischwaldes" oder die beiden befänden sich gar in einem Zielkonflikt! Warum? Satz 2 der Begründung zu § 3 des Gesetzes stellt doch klar, dass der im Gesetz erwähnte Prozessschutz kein losgelöster Selbstzweck ist, sondern nichts anderem dient als dem Schutz des Bergmischwaldes:  "Dazu (also zum Schutz des Bergmischwaldes, F.S.) sollen ... im Sinne des Prozessschutzes ...." usw.

Wissen Sie, es wäre halt eine verpasste Chance, wenn die Wälder des Nationalparks in 30 Jahren ein ähnlich trauriges Bild abgeben würden wie viele Wirtschaftswälder: mit Fichtenmonopol und ausgeräumtem Unterholz. Bitte gehen Sie in diesem Zusammenhang auch noch auf meine  Bsp. des Nationalparks Harz und des Rothwaldes ein.

Auf jeden Fall sollte in den NP-Plan – wie z.B. auch in den des NP Bay. Wald - als Ziele des Wildmanagements nicht nur der Schutz der angrenzenden Privatwälder, sondern vor allem die Sicherung der natürlichen Artenvielfalt bzw. Artenzusammensetzung sowie die Wiederherstellung einer standortheimischen Waldzusammensetzung in der Entwicklungszone aufgenommen werden!

Mit freundl. Grüßen aus Karlsruhe F. Schäfer

 

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Antwort der Verwaltung

Antwort: Bergmischwald- und Prozessschutz - Ihr Brief vom 13. Juli 2018

19.07.2018 12:25 ModerationRD Antwort der Verwaltung

Sehr geehrter Herr Schäfer,

vielen Dank für Ihre Anregung und Ihren Brief vom 13. Juli 2018 auf den wir uns in unserer Antwort beziehen.

"Sehr geehrte Damen und Herren,

vielleicht ist die Quadratur eines Kreises wirklich leichter, als ein Konzept für das Wildmanagement eines Nationalparks zu erarbeiten! Daher danke ich Ihnen, dass Sie die Öffentlichkeit mit vielen sich widersprechenden Stimmen überhaupt an der Erarbeitung des Nationalparkplans beteiligen.

Ich möchte es auch ausdrücklich würdigen, dass Sie neue Wege im Wildmanagement beschreiten möchten, die langfristig darauf abzielen, das Wild – vor allem das Rotwild – für die Besucherinnen und Besucher des Nationalparks sicht– und beobachtbar werden zu lassen."

Vielen Dank, damit sprechen Sie den kritischen Punkt an: wir wollen auch große Wildtiere sichtbar machen. Die wichtigste Vorrausetzung dafür, dass die Tiere sich auch tagsüber zeigen ist, dass sie sich nicht bedroht fühlen. Wenn wir aber - wie Sie zuvor und auch im Folgenden fordern - die Tierpopulationen im Hinblick auf die Verjüngung der Baumarten des Bergmischwaldes -regulieren, dann ist das ein Widerspruch, der nur sehr schwer aufzulösen ist. Die Nationalparkverwaltung versucht dies durch Zonierung des Gebiets z.B. die angestrebten 30% Ruhezone für den Rothirsch.

"Dennoch möchte ich auf die Motivation zur Gründung des Nationalparks Schwarzwald zurückkommen. Das Nationalparkgesetz und seine Begründung stellen klar: Das „vornehmliche Anliegen“ des Nationalparks ist, „den für den Nordschwarzwald charakteristischen Bergmischwald zu schützen, zu erhalten und zu entwickeln.“ Mit dieser Zielvorgabe wurde in der Öffentlichkeit, in der Politik und in der regionalen Wirtschaft für die Ausweisung des Nationalparks geworben."

Entsprechend nationaler und internationaler Vereinbarungen ist der Schutzzweck, dieser Schutzgebietskategorie im Nationalparkgesetz festgelegt „(1) Der Nationalpark bezweckt vornehmlich, 1. das Wirken der natürlichen Umweltkräfte und die Dynamik der Lebensgemeinschaften weitestgehend frei von Eingriffen durch den Menschen zu gewährleisten (Prozessschutz),…“ (NLPG, § 3).

Nationalparke werden weltweit eingerichtet, um die globale Vielfalt zu erhalten. Indem natürliche oder zumindest möglichst naturnahe Ökosysteme mit ihrer Dynamik geschützt werden, soll diese Zielsetzung erreicht werden. Dementsprechend wird im Nationalparkgesetz der Schutzzweck auf die zu schützenden Ökosysteme weiter konkretisiert: „3. den für den Nordschwarzwald charakteristischen Bergmischwald sowie die Moore, Grinden, Kare und andere naturschutzfachlich hochwertige Flächen zu erhalten und zu fördern,“ (NLPG, § 3). Während die Wälder, einer natürlichen Dynamik unterliegen und diese naturnahen Ökosysteme durch den Prozessschutz geschützt sind, ist das beispielsweise bei den Grinden anders: diese sind durch die Bewirtschaftung des Menschen entstanden und können nur durch das Unterbinden der natürlichen Dynamik erhalten werden. Daher wurden die Grinden der Managementzone zugeordnet und werden auch künftig dauerhaft gepflegt.

"Für das Wildmanagement zieht das Gesetz die Schlussfolgerung: „Die Nationalparkverwaltung reguliert den Bestand jagdbarer Wildtiere unter Beachtung des Schutzzwecks des Nationalparks.“ "

§12 (Waldpflegerische Maßnahmen und Wildtiermanagement) besagt - wie von Ihnen zitiert - zum Wildtiermanagement „(2) Die Nationalparkverwaltung reguliert den Bestand jagdbarer Wildtiere unter Beachtung des Schutzzwecks des Nationalparks und der Vorgaben des Nationalparkplans…“ Allerdings folgen auch die beiden weiteren Sätze: “… Hierbei berücksichtigt sie die aktuellen Ergebnisse wildbiologischer Untersuchungen. In den Kernzonen sind Wildruhezonen vorzusehen.“ (NLPG, § 12 (2))

Diese beiden Vorgaben sind entscheidend.

Zum einen werden in das Wildtiermanagement des Nationalpark Schwarzwald aktuelle wildbiologische Erkenntnisse einbezogen. Wie in unserer Antwort auf Ihre Eingabe vom 28. Juni 2018) dargestellt, ist der Stand des Wissens zur Wechselwirkung zwischen Wildtieren und der Walddynamik sehr lückenhaft und nicht evidenzbasiert. Wie bereits dort ausgeführt wird bisher nur einseitig und kurzfristig die Baumartenverjüngung für die Wildtierregulierung begutachtet. Um diese Wissenslücken zu schließen, beteiligt sich der Nationalpark Schwarzwald zusammen mit den anderen deutschen Waldnationalparks an einem geplanten Forschungsprojekt der Universität Freiburg.

Zum zweiten fordert das Nationalparkgesetz explizit Wildruhezonen.

"In der forstlichen Wissenschaft und Praxis ist immer schon evident, dass überhöhte Schalenwildbestände vor allem die Mischbaumarten des Bergmischwaldes durch Verbiss der Jungpflanzen an ihrer Entfaltung hindern. Diese Tatsache gilt für Wirtschaftswälder gleichermaßen wie für Waldschutzgebiete. So resümiert beispielsweise die Schutzgebietsverwaltung des 1875 (!) eingerichteten „Urwaldes Rothwald“ in Österreich (heute zum „Wildnisgebiet Dürrenstein“ erweitert): „Zur Sicherung des natürlichen Wald-Wild-Gefüges ist es notwendig, die Schalenwildarten Rot-, Reh- und Gamswild nach ökologischen Gesichtspunkten zu regulieren.“

Nichts anderes verlangt der Prozessschutz. Denn wenn sich der Lebensraum so entwickeln soll, „wie die Natur dies vorgibt“, so müssen menschliche Einflüsse (wie eben überhöhte Schalenwildbestände, die nach der Ausrottung der Großraubtiere eindeutig menschliche und nicht natürliche Ursachen haben) so weit wie möglich ausgeschlossen sein. "

Wie bereits in unseren Antwortbeiträgen zur ihrer vorhergehenden Frage ausgeführt, ist sowohl der Fokus der forstliche Praxis, als auch der mit der Thematik bisher befassten Disziplinen der Forstwissenschaft vor allem auf den aktuellen Zustand der Verjüngung, maximal auf den im Verhältnis zum möglichen Baumalter auf den relativ kurzen Produktionszeitraum (Umtriebszeit) begrenzt. Wie bereits ausgeführt lässt sich auf diesen Grundlagen keine langfristige Baumartenzusammensetzung prognostizieren. Dies ist ein wichtiges Argument, das für die konsequente Umsetzung des Prozessschutzes im Rahmen der Nationalparke spricht. Denn nur dort können die Forstwissenschaft und andere wissenschaftliche Disziplinen die Wald-Wild-Wechselbeziehungen langfristigen beobachten und zu evidenzbasierten Aussagen kommen.

Als Beleg für die Aussage, dass Schalenwildbestände auch in Schutzgebieten reguliert werden sollten, verweisen Sie auf die Schutzgebietsverwaltung des Wildnisgebiets Dürrenstein. Allerdings ist Ihr Zitat etwas verkürzt. Da Sie explizit um eine Stellungnahme der Nationalparkverwaltung zu diesem Beispiel gebeten haben, an dieser Stelle der ausführliche Kontext:

Der Kontext ist im Managementplan 2013 – 2022 des Wildnissgebiets Dürrenstein, Kapitel 2.4. Managementzone Wildwiederkäuer zu finden, dort steht auf Seite 13: „Da heimische Großraubtiere im Wildnisgebiet nur vereinzelt vorkommen, müssen zur Sicherung eines möglichst naturnahen, sich temporär durchaus verschiebenden Wald-Wild-Gefüges, die Wildwiederkäuer („Schalenwild“: Rot-, Reh- und Gamswild) nach ökologischen Gesichtspunkten überwacht werden (Monitoring), um ggf. erforderliche Managementmaßnahmen zu ergreifen. Für ein wildökologisches Management wurde im Wildnisgebiet eine spezielle Zone ausgewiesen. Nur auf dieser Fläche, die ca. 24 % der Gesamtfläche umfasst, darf aktives Management der Wildwiederkäuer (Bestandsregulierung) durchgeführt werden.“

Weiterhin heißt es dort „(…)Da diese Zone speziell auch negative Einflüsse auf das Artengefüge, aber auch auf die benachbarten Wirtschaftsflächen berücksichtigen muss, ist die Wahl der Lage dieser Zone wesentlich. Die kurze Zeit seit der Erweiterung des Wildnisgebietes um knapp 50 % reichte noch nicht aus, eine fachlich fundierte Auswahl zu treffen. Es ist daher Aufgabe der kommenden 2 bis 3 Jahre eine für das gesamte Gebiet wildökologisch verträgliche Zone auszuweisen, die auch Aspekte der Nachbarreviere berücksichtigt. (…).“

Wie sind die Aussagen in Bezug auf den Nationalpark Schwarzwald zu interpretieren:

  1. Es besteht die Notwendigkeit zu einem wildökologischen Monitoring – es wurde von unserer Seite bereits hingewiesen, dass es nicht ausreicht, nur die Wirkung auf die Baumartenverjüngung zu betrachten.
  2. Es gibt im Wildnisgebiet Dürrenstein eine spezifische Zone für das aktive Management der Wildwiederkäuer (Bestandsregulierung). Diese umfasst 24% der Gebietsfläche und entspricht damit den internationalen Anforderungen an ein Wildnisgebiet bzw. Nationalpark wonach auf mindestens 75% der Fläche keine direkten Eingriffe mehr stattfinden sollten. Im Nationalpark Schwarzwald planen wir mit 30% Ruhezone ab 2020 d.h. auf 70% der Nationalparkfläche findet noch aktives Wildtiermanagement statt.
  3. Auch im Wildnisgebiet Dürrenstein ist die Integration und Interaktion mit den Nachbarn ausschlaggeben für das Wildtiermanagement im Gebiet.

Nur um die Verhältnisse nochmals in Relation zu setzen: im Wildnisgebiet Dürrenstein findet auf ca. 76% der Fläche die von Ihnen geforderte Schalenwildregulierung NICHT statt.

Wenn die Messlatte was die Vorrausetzung für Prozessschutz betrifft sehr hoch angelegt wird, dann wird der Schutz der globalen Biodiversität durch den Schutz natürlicher Prozesse unmöglich gemacht. Denn wo sind Gebiete mit einem „kompletten“ Artenbestand heute noch zu finden? Wie viele Individuen einer Art müssten vorhanden sein? Um gerade die letzte Frage zu beantworten, fehlt es uns an einer Referenz. Es ist auch nicht möglich ein Gebiet komplett abzugrenzen – es wird immer einen Austausch geben – Ökosysteme sind offene Systeme – auch Immissionen und der Einfluss des Klimawandels lässt sich nicht an der Nationalparkgrenze stoppen. Aber ist es dann nicht besser, den Prozessschutz zu beginnen und die Gelegenheit zu nutzen, die verschieden Prozesse zu beobachten, neue Erkenntnisse zu gewinnen und für die Bewirtschaftung z.B. des Bergmischwaldes außerhalb des Nationalparks zu lernen?

"Andernfalls würde der Nationalpark Schwarzwald nicht zur Wildnis, sondern nur zu einer Art verwilderter Kulturlandschaft werden. Die aktuellen Entwicklungen im Nationalpark Harz mit seinen völlig überhöhten Rotwildbeständen wären ein (katastrophales) Beispiel dafür. Die Natur, die Schöpfung ist eine Einheit. Ein Ungleichgewicht auf einer Seite zerstört das Gleichgewicht aller Lebewesen. "

Sie haben auch eine Stellungnahme der Nationalparkverwaltung zur von Ihnen negativ dargestellten Situation im Nationalpark Harz eingefordert. Dies verwundert etwas, da dort genau die von Ihnen geforderten Maßnahmen umgesetzt werden: in diesem Frühjahr wurden über 20 000 Buchen gepflanzt, um die Baumartenzusammensetzung naturnäher zu entwickeln. Gleichzeitig ist die Intensität der Schalenwildregulierung mit einem Abschuss von alleine über 1000 Rothirschen um ein Vielfaches höher als im Nationalpark Schwarzwald.

Unabhängig von der Intensität der Wildtiermanagements ist das Gebiet des Nationalparks voraussichtlich noch viele Jahrhunderte eine „verwildernde Kulturlandschaft“. Ob es jemals „Wildnis“ werden wird, ist eine Frage der Definition und wie hoch die Messlatte in Bezug auf die direkten aber auch indirekten menschlichen Einflüsse gelegt wird. Denn neben dem reinen Prozessschutz muss der Nationalpark Schwarzwald noch zahlreiche weitere Funktionen für die Gesellschaft erfüllen.

In der aktuellen ökologischen Waldforschung werden Wälder und damit auch der Nordschwarzwälder Bergmischwald als komplexe adaptive Systeme betrachtet, deren wesentliches Merkmal ist, dass sie nach außen offen sind. Dass es keinen Gleichgewichtszustand, d.h. keine Klimax auf den die Sukzession zwangsläufig zuläuft, sondern dass die Resistenz und Resilienz des Systems darüber entscheiden, wohin sich das System nach einer Störung entwickelt. Auf die Wälder im Nationalpark Schwarzwald bezogen wird es spannend sein zu lernen, wie sich die Wechselwirkungen zwischen Vegetationszusammensetzung und Wildtieren unter vielen anderen Einflüssen wie z.B. Klimawandel entwickelt

Vielen Dank für Ihren Beitrag –wir hoffen wir konnten Ihre Frage beantworten.

 

Anmerkung der Moderation, 19.09.2018: Der Schluss des Briefes wird im folgenden Abschnitt eingefügt:

"Zu Recht weisen Sie freilich auf einen Unsicherheitsfaktor hin, nämlich den Klimawandel. Wenngleich der Tannen-Buchen-Fichtenwald die potentielle natürliche Vegetation des Schwarzwaldes bildet, kann tatsächlich niemand wissen, ob diese Entwicklung am Ende nicht ganz andere Waldgesellschaften mit sich bringt.

Doch das Wildtiermanagement sollte dem Wald auf jeden Fall die Chance geben, sich - wenn er "will" - auch wieder zu dem Bergmischwald zu entwickeln, dem die Gründung des Nationalparks Schwarzwald eigentlich dienen wollte!

Aus den Texten Ihrer Webseite ging für mich leider nicht klar hervor, ob Sie wirklich die feste Absicht haben, den Mischbaumarten im Nationalpark diese Chance zu geben. Oder doch?

Entsprechend der gesetzlichen Zielvorgabe ist es meine Bitte, die aktive Regulierung des Schalenwildbestandes - im Zusammenwirken mit der Jagd auf Populationsebene im gesamten Rotwildgebiet Nordschwarzwald - zum effektiven Schutz der Mischbaumarten klar und deutlich im Nationalparkplan zu verankern.

Eine Kopie dieses Schreibens übersende ich an das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg.

 

Mit freundlichen Grüßen"